© Clara Merkel

Clara - Wie ich die Bühne Venedig entdeckte

Ein Bericht von Clara Merkel, ehemalige Auszubildende zur Damenmaßschneiderin am Staatstheater Kassel

Text: Manfred Kasper

Die Sache mit Venedig startete mit einem „Bauchgefühl“. Als ich vor etwa drei Jahren mit meiner Ausbildung am Staatstheater Kassel begonnen habe, war eine andere Auszubildende gerade in Irland unterwegs. Das hat mich beeindruckt, und ich fand den Gedanken, während der Ausbildung für eine Zeit ins Ausland zu gehen, sehr verlockend. Mit Unterstützung der Handwerkskammer und des Theaters hat es dann ja auch geklappt.

Es war für mich das erste Mal, dass ich ins Ausland gegangen bin. Ich komme allerdings aus einer Familie, die immer viel gereist ist. Meine Eltern haben eine Zeit lang in Bolivien gelebt, auch meine beiden Schwestern sind nach Lateinamerika gegangen. Ich kannte das also, wenn auch nur theoretisch, da ich die Erfahrung selbst noch nicht gemacht hatte.

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Was mich in Italien erwartete, davon hatte ich nur eine vage Vorstellung. Ich wusste nicht, wie die Dinge dort ablaufen würden. Heute würde ich sagen, ich habe „eine geballte Ladung Italien“ erfahren und eine wirklich tolle Schneiderei kennengelernt. Gearbeitet habe ich in Venedig, wobei ich in einer Wohngemeinschaft im benachbarten Vicenza gewohnt und auch Ausflüge nach Padua, Verona und an den Gardasee unternommen habe.

Etwas schwierig war es anfangs mit der Sprache, doch das Schöne an meinem Beruf ist, dass man alles durch Hände erklären kann. Das war auch im Atelier von Stefano Nicolao – der Schneiderei, in der ich gearbeitet habe – so. Es liegt nahe des Canale Grande und nur zehn Fußminuten vom Bahnhof Venezia S. Lucia entfernt. In Handarbeit werden hier historische Kostüme für Theater- und Filmproduktionen produziert, es gibt einen unglaublichen Fundus, der mich fasziniert hat. Die Bilder habe ich heute noch im Kopf. Das war manchmal wie im Film. So etwas hatte ich im Theater noch nicht erlebt.

Die Schneiderei selbst war größer als man zunächst denkt. Insgesamt haben dort rund 20 Leute gearbeitet, die allerdings aufgeteilt waren in Schneiderei, Requisite und Fundus. Die Räume waren wie ein Mini-Theater vor der Kulisse dieser beeindruckenden Stadt, in der ich mich manchmal wie auf einer Bühne gefühlt habe. War ich anfangs noch ein wenig unsicher und hatte Angst, Fehler zu machen, so bin ich mit der Zeit immer mehr in die Arbeit hineingewachsen. Ich habe wirklich Begeisterung entwickelt und die Zeit verging wie im Flug. Dabei habe ich gemerkt: Wenn man offen ist, für das, was passiert, kann man die verrücktesten Sachen erleben.

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So habe ich mit meiner französischen Praktikumskollegin Aurelie im Fundus barocke Kostüme anprobiert, oder ich war mit ihr in der Stadt unterwegs. Das war eine sehr schöne Art und Weise, um in Venedig anzukommen. Insgesamt habe ich für mich persönlich sehr viel Neues gelernt. Ich glaube, die Zeit in Venedig hat mich mutiger gemacht. Seither bleibe ich in Stresssituationen ruhiger, fühle mich erwachsener und reifer. Auch fachlich war es sehr interessant, weil ich nun weiß, dass ich als Schneiderein auch in der Requisite arbeiten könnte.

Ein absoluter Höhepunkt war für mich der Besuch des Theaters „La Fenice“, einer der bedeutendsten Bühnen Italiens und Europas, die 1792 eröffnet wurde. Hier bin ich tief in die Geschichten rund um das Theater eingetaucht. So habe ich mir zum Beispiel vorgestellt, wer einst in der Königsloge gesessen hat und wie wohl die Atmosphäre in dieser Zeit war. Das war einfach das schönste Theater, das ich je in meinem Leben gesehen habe! .Am liebsten hätte ich noch eine Oper in „La Fenice“ angeschaut. Vielleicht beim nächsten Mal, denn insgesamt war ich so sehr von Eindrücken und Geschichten erfüllt, dass ich nach vier Wochen immer noch damit beschäftigt war, die ganzen Glücksgefühle zu sortieren.

Ich selbst kann allen Auszubildenden nur empfehlen, die Chance zu nutzen und eine Zeit im Ausland zu verbringen. Im letzten Jahr meiner Ausbildung am Staatstheater Kassel war ich im Rahmen der Personalratsarbeit Jugend- und Auszubildendenvertreterin. Mein „kleines Projekt“ war es, den Leuten immer wieder zu sagen: Macht das! Kümmert Euch um Erasmus+ und geht für eine Zeit ins Ausland! Ich hatte ja viel Kontakt zu den anderen Auszubildenden im Unternehmen. Bei uns am Theater waren das rund 15 bis 20 Auszubildende – verteilt auf die unterschiedlichen Bereiche.

Für mich habe ich nun entschieden, dass ich noch einmal eine völlig neue Auslandserfahrung machen möchte. Anfang August werde ich über das Parlamentarische Patenschaftsprogramm des Deutschen Bundestages (PPP) für ein Jahr in die USA gehen. Ich habe ein Stipendium bekommen, das einen Aufenthalt in einer Gastfamilie und ein Semester an einem College umfasst, wo ich Fächer, die möglichst berufsbezogen sind, studieren kann. Aber auf die Schneiderei lässt sich letztlich ja fast alles „zuschneiden“. Anschließend werde ich dann noch ein halbes Jahr lang dort arbeiten. Mein Traum ist es, auch in den USA in einem Theater oder einer kleinen Schneiderei unterzukommen. Denn spätestens seit der Zeit in Italien ist mir klar: Ich möchte auf jeden Fall etwas mit Theater und Kleidung machen.