Ruth - Goldschmiede-Azubi Ruth lernt Filigranarbeit in Norwegen

von Julia Göhring

"Ich zeige es euch praktisch und ihr probiert es aus. So lernt ihr es am schnellsten.", schlägt die norwegische Filigran-Lehrerin vor. In den nächsten Stunden verdreht Ruth Aufsfeld dünne Drähte ineinander, zwirbelt sie zu Zöpfen, walzt sie zu Mustern, formt sie zu Blüten, Spiralen und winzigen Kugeln. Ruth ist begeistert – und ein wenig überrascht: Direkt in der ersten Stunde im Fach Filigran lernt sie verschiedene typische Filigran-Elemente selbst herzustellen. Filigranschmuck fasziniert Ruth schon viele Jahre. "Als ich gelesen habe, dass man in Norwegen die Filigranarbeit lernt, war mir klar, dass ich mich an der Schule in Valle für den Austausch bewerbe." Die alte, ornamentale Schmuck- und Ziertechnik wird in Norwegen traditionell zur Herstellung von Trachtenschmuck verwandt.

Die 29-jährige Ruth macht an der Staatlichen Zeichenakademie Hanau eine Ausbildung zur Goldschmiedin. Zusammen mit zwei Mitschülerinnen und einem Mitschüler hat sie in ihrem zweiten Ausbildungsjahr im Herbst 2013 an einem dreimonatigen Auslandsaustausch teilgenommen.


Die Schmuckstücke zeigen Geschichte und Kultur Norwegens

Neben dem Erlernen besonderer Techniken erhalten die Auszubildenden einen Einblick in Schmuck- und Kulturgeschichte, Traditionen und Gesellschaft des Gastlandes. Traditionelle Filigranbroschen, die Ruth und ihre Mitschülerinnen hergestellt haben, wurden sogar im Rahmen einer Trachten-Ausstellung im Setesdal-Museum im Nachbarort gezeigt. Setesdal heißt die Region in Südnorwegen, in der Valle liegt. "Es ist beeindruckend, wie wichtig Trachten selbst für junge Leute in Norwegen sind. Die tragen Tracht auch als Ballkleid", erzählt Ruth.


Ruth baute Selbstbewusstsein auf

In den drei Monaten gestalteten Ruth, ihre Mitschülerinnen und ihr Mitschüler Schmuck zu verschiedenen Themen, etwa zum Komponisten Edward Grieg. Der für den Austausch zuständige Lehrer, Lex de Jong, ermutigte sie, ihre Ideen auch mit Techniken umzusetzen, die sie noch nicht perfekt beherrschten. "Plötzlich habe ich gesehen: Ich kann das machen, zum Beispiel kleinste Teile löten. Ich habe unglaubliches Vertrauen in meine Fähigkeiten gewonnen", erzählt Ruth. Inspirieren ließ sich Ruth auch von der besonderen norwegischen Natur.

Ruth hat es so gut in der Gastschule in Valle gefallen, dass sie ihren Aufenthalt um zwei Wochen in die Winterferien hinein verlängert hat. Die Zeit hat sie genutzt, um bei ihrer Filigran-Lehrerin weiter zu arbeiten. "Ich glaube: Ein Mensch, der kreativ arbeiten möchte, muss sich immer wieder öffnen und sich mit anderen Menschen austauschen."