Saniya - "Ich habe mich in Wien sehr wohl gefühlt"

Ein Bericht von Saniya Kumar, Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk, Schwerpunkt Bäckerei/Konditorei. Text: Manfred Kasper

Drei Wochen Wien, das klang wie ein großes Abenteuer! Und das war es letztlich auch: eine gute Möglichkeit, neue Dinge für meine Arbeit, aber auch eine neue Stadt und eine unbekannte Umgebung kennenzulernen. Ich brach im August 2014 auf, um drei Wochen lang in der Bäckerei Arthur Grimm, einer der traditionsreichsten Bäckereien in der österreichischen Hauptstadt, mitzuarbeiten.

Die Bäckerei, in der ich gearbeitet habe, gibt es quasi schon ewig. Ich erfuhr, dass sie bereits 1536 gegründet wurde, wobei die Besitzer lange schon nicht mehr Grimm heißen. Das Besondere ist, dass die Bäckerei Grimm eine der wenigen in Wien ist, in der Brot, Gebäck und viele andere Köstlichkeiten tatsächlich noch in der eigenen Backstube hergestellt werden. Man bekommt hier neben den herkömmlichen Backwaren auch glutenfreie Erzeugnisse und diätgerechte Backwaren für Menschen, die an Diabetes, Neurodermitis oder Candida leiden.

Schnupperkurs in der Backstube und Kundenkontakt

Für mich war das alles neu und so ganz anders, als ich es von der Ausbildung in Schwerte her kannte. Ich war zwei Wochen lang im Hauptgeschäft und eine Woche in einer Filiale tätig. Dabei habe ich sowohl in der Backstube gearbeitet als auch Kundschaft bedient. Dadurch lernte ich zum einen die österreichischen Bäckereiprodukte besser kennen, zum anderen habe ich auch viel Kontakt mit Menschen gehabt.

Gearbeitet haben wir jeden Tag von 6 bis 13 Uhr, am Wochenende hatten wir frei. So konnte ich mir auch einiges von der Stadt ansehen. Das habe ich dann vor allem mit meinen beiden Mitbewohnerinnen gemacht. Ich wohnte während der Zeit in Wien gemeinsam mit zwei anderen Azubis in einem Hostel. Hin und wieder sind wir ausgegangen, am Wochenende hat uns dabei auch Frau Schrott, unsere Betreuerin in der Bäckerei Grimm, begleitet. Sie hat uns viele interessante Plätze, Märkte und auch Cafés gezeigt, die wir allein gar nicht gefunden hätten. So haben wir auch viel von der Kultur in Wien mitbekommen.

Einer meiner Lieblingsausflüge war der zum Schloss Schönbrunn. Wir sind dort gebummelt, haben im Café gesessen und das Leben einfach auf uns wirken lassen. Das war etwas, das mir in Wien sehr gut gefallen hat – es gibt dort unheimlich viele schöne Cafés und eine richtige Kaffeehauskultur.

Sprache als Herausforderung

Ich muss sagen, dass ich mich in der Bäckerei Grimm und auch in Wien sehr wohl gefühlt habe. Das einzige Problem war, dass ich anfangs mit dem Wiener Dialekt Schwierigkeiten hatte. Ich habe manche Leute einfach nicht verstanden, und das obwohl ich eigentlich sehr gut Deutsch spreche. 2003 bin ich mit meiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, doch der Dialekt in Wien war noch einmal eine ganz besondere Herausforderung für mich.

Ich habe dann mit Frau Lemke, meiner Lehrerin an der Berufsschule in Hamm, die uns in den ersten Tagen auch in Wien begleitet hat, gesprochen. Sie und meine Kolleginnen und Kollegen in der Bäckerei haben mich dann unterstützt und sich sehr viel Mühe gegeben, sodass wir das Problem lösen konnten. Und irgendwann habe ich mich an die Aussprache gewöhnt.

Schön war es übrigens, wenn Kundinnen und Kunden aus Deutschland kamen und wir die Sprache als Gemeinsamkeit hatten, obwohl ich ja eigentlich aus Afghanistan stamme. Dann haben die Kunden mich direkt gefragt, ob ich aus Deutschland komme, denn wenn die Wiener Deutsch sprechen, ist das noch einmal etwas ganz Anderes.

Frau Lemke war ein wichtiger Auslöser für meine Reise nach Wien. Sie hatte mich in der Schule angesprochen und gefragt, ob ich Interesse an einem Austausch habe. Ich fand die Idee gleich gut und auch meine Eltern haben mich unterstützt. Die fanden es richtig toll, dass ich das mache und neue Erfahrungen sammeln kann.

Der Höhepunkt: Die Nacht des Backens

Ganz kurz möchte ich noch von der Nacht des Backens erzählen, dem eigentlichen Highlight meiner Zeit in der Bäckerei Grimm. Das ist eine Aktion, die immer Ende August / Anfang September in verschiedenen Wiener Bäckereien stattfindet – eine Art Tag der Offenen Türe, bei dem wir als Auszubildende voll eingespannt waren. Begonnen hat es abends um halb acht. Die Kundinnen und Kunden wurden eingeladen, auch einmal hinter die Kulissen einer Bäckerei zu schauen. Wir haben sie mit Getränken, Kuchen und anderen leckeren Sachen bewirtet. Es waren auch viele Kinder dabei, die durften dann auch selber mal ran und haben beim Backen mitgeholfen. Und natürlich haben sie auch das eine oder andere Mal genascht ... Wir hatten auf jeden Fall sehr viel Spaß! Ich glaube, in dieser Nacht haben wir mehr als 300 Erwachsene und Kinder durch den Betrieb geführt, da fühlte man sich fast wie Zuhause.

Zurück in Schwerte war ich vor allem selbstbewusster als vorher. Ich bin in Wien lockerer geworden. Ich habe viele neue und interessante Menschen kennengelernt und ich glaube, die Zeit hat mir  beruflich sehr genutzt.

Unterwegs in Wien
Wir haben das Schaufenster gestaltet
Alle meine Kolleginnen und Kollegen
"Ich habe mich in Wien sehr wohlgefühlt."
Die Nacht des Backens
Wir Praktikantinnen im Einsatz
Kleine Gäste